Geschichte  

Zur Institutsgeschichte

Bereits vor der Institutionalisierung einer Musikwissenschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts war musikbezogene Wissensproduktion Bestandteil im frühneuzeitlichen Fächerkanon an der Universität Leipzig. Das Institut wurde 1908 von Hugo Riemann gegründet; zunächst als "Collegium musicum" – eine Bezeichnung, die an eine über 200 Jahre bestehende Musiziertradition anknüpften sollte. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts (1842) hatte sich die Universität um Felix Mendelssohn Bartholdy als Lehrkraft für Musik bemüht, der jedoch ablehnte. 1859 hielt der Universitätsorganist (ab 1860 auch Universitätsmusikdirektor) Hermann Langer die ersten Vorlesungen, 1867 folgte ihm Oskar Paul. Auch Hermann Kretzschmar lehrte bereits vor der Institutionalisierung ab 1887. Riemann war jedoch der erste, der nach 30-jähriger Lehrtätigkeit ein Professorat für Musikwissenschaft erhielt. Er betrachtete eine Verbindung von musikalischer Forschung mit praktischer Musikausübung als zentral für das Fach. Arthur Prüfer, dem wie Riemann lediglich ein Extraordinariat zuerkannt wurde, hielt neben Hermann Grabner ebenfalls Lehrveranstaltungen in den ersten Jahren nach Institutsgründung.

Grassimuseum1927
Der Ehrenhof des Grassimuseums 1927.

Zwischen den beiden Weltkriegen standen im Zentrum von Lehre und Forschung die Musik der Renaissance und des Barock. Im Wintersemester 1919/20 übernahm Arnold Schering vertretungsweise die Lehre und leitete das Institut kommissarisch, bis er kurz darauf mit Hermann Abert den Einsatzort tauschte. Schering ging nach Halle, Abert kam nach Leipzig und wurde hier erster Ordinarius. Ab dem 1923 trat Theodor Kroyer seine Nachfolge an und wurde Institutsdirektor. Er brachte unter Mithilfe anderer 1926 die Heyer’sche Instrumentensammlung aus Köln an die Leipziger Universität. Das Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig eröffnete drei Jahre später. In der Folgezeit wurde das Museum zusammen mit dem Musikwissenschaftlichen Institut und dem 1914 von Riemann gegründeten Staatlichen Forschungsinstitut zu einem Zentralinstitut der Musikwissenschaft ausgebaut. Als eines der kleinsten Fächer unter den geisteswissenschaftlichen Disziplinen verfügte die Musikwissenschaft über zwei wissenschaftliche Planstellen, eine Assistentenstelle (besetzt von Hermann Zenck, Walter Gerstenberg und Helmut Schultz), eine ordentliche Professur (Kroyer) und eine halbtäglich beschäftigte technische Hilfskraft. Kroyer wechselte 1932 nach Köln. Nach Kroyer wurde die Stelle eines Extraordinariats erst wieder im Sommer 1933 nach Machtübernahme der Nationalsozialisten mit Helmut Schultz besetzt. Dieser leitete bis 1943 das Institut, das Museum für Musikinstrumente und das Sächsische Forschungsinstitut für Musikwissenschaft.

Im Wintersemester 1939 machte Schultz den einstigen Leipziger Studenten Rudolf Eller zu seinem Famulus und übernahm ein Jahr später den stellvertretenden Vorsitz des neu eingerichteten Prüfungsamtes für Musik. Als er im Oktober 1943 plötzlich an die Front berufen wurde, übernahm Walter Serauky seine Vertretung.

Als am 4. Dezember 1943 die Leipziger Innenstadt durch Bombenangriffe zerstört wurde, ging auch der Trakt des Grassimuseums, in dem sich das Institut und die Bibliothek sowie das Instrumentenmuseum befunden hatten, in Flammen auf. Daraufhin verlegte man den Lehrbetrieb in die Hochschule für Musik. In dieser Zeit war Schultz die einzige Lehrkraft für Musikwissenschaft. Nach Einzug der Roten Armee am 2. und 3. Juli 1945 wurden im Zuge der Demokratisierung alle Parteiangehörigen entlassen. Unter ihnen befand sich auch Heinrich Husmann, der kurz zuvor Ordinarius geworden war.

In den Jahren nach 1945, als die Leitung des weitgehend zerstörten Instituts ungeklärt war, wurde es zunächst durch stellvertretende Direktoren aus benachbarten Instituten repräsentiert. Darunter waren der Philosoph Hans Georg Gadamer und 1947 der Archäologe Bernhard Schweizer. Beim Wiederaufbau von Institut und Instrumentenmuseum halfen die beiden Assistenten Gadamers wesentlich mit: Rudolf Eller ab Ende Oktober und Richard Petzoldt ab Dezember 1945.

Trotz der widrigen Umstände nach dem Krieg fiel der Neubeginn mit international renommierten Wissenschaftlern leichter. Am Institut lehrten nun der Mittelalterforscher Heinrich Besseler, der Barockforscher Hellmuth-Christian Wolff, der Händel- und Halleforscher Walther Serauky und Richard Petzoldt. Letzterer hielt nach dem Krieg im Sommersemester 1946 als einziger Fachvertreter die ersten Vorlesungen am Musikwissenschaftlichen Institut. Nach langen Verhandlungen über die Besetzung der Professorenstelle – im Gespräch waren unter anderem Wilibald Gurlitt, Walter Wiora und Besseler – wurde der Lehrstuhl im Jahre 1949 als Ordinariat wieder neu eingerichtet. Dieses übernahm Walter Serauky für die nächsten 10 Jahre. In dieser Zeit betrieb er den Wiederaufbau des zerstörten Instituts- und Museumsgebäudes, der nach drei Jahren abgeschlossen wurde. 1955 wurde das musikwissenschaftliche Institut in die historisch-systematische Abteilung umbenannt und mit der Abteilung für Musikerziehung formal zusammengelegt. Einer ideologischen Einflussnahme entzogen sich nur wenige Wissenschaftler, darunter Hellmuth-Christian Wolff, der schon eine NSDAP-Mitgliedschaft verweigert hatte, und Eberhardt Klemm. Als Oberassistent übernahm Klemm 1956 den Großteil der Geschäftsführung für Besseler, der sich mit Serauky die Direktorenstelle teilte.

In den 1960er Jahren beseitigte die SED den nach Fakultäten gegliederten Aufbau der Universität, um sich einen direkteren Zugriff auf die Institute zu verschaffen. Aus den Fakultäten wurden Sektionen und aus den Instituten Fachabteilungen. Ab Herbst 1963 wurde ein musikethnologischer Schwerpunkt für Studenten an der Sektion eingeführt, für dessen praktische Umsetzung Hellmuth-Christian Wolff auf Anraten Besselers zuständig war. Nach der 1965 erfolgten Emeritierung Besselers – Serauky war 1959 verstorben – übernahm Walther Siegmund-Schultze kommissarisch die Leitung des Institutes. Im Jahre 1966 vereinigte er die Abteilungen für Musikwissenschaft und Musikerziehung zu einer Arbeitseinheit. Von nun an erhielten Studenten beider Fachrichtungen gemeinsam Unterricht. Dies führte dazu, dass in den 70er und 80er Jahren Musikwissenschaftsstudenten zum großen Teil von Musikerziehern ausgebildet wurden. Ab 1975 durften nur noch alle zwei Jahre acht Studierende im Fach Musikwissenschaft immatrikuliert werden. Sie erhielten Unterricht zu Themen wie Robert Schumann (Hans-Joachim Köhler), J. S. Bach (Reinhard Szeskus), Alte Musik (Hans Grüß) und Richard Wagner (Werner Wolf).

Institut alt
Das Institut für Musikwissenschaft im Mendelssohnhaus Leipzig.

Erst 1980 wurde wieder ein Lehrstuhl für Musikgeschichte eingerichtet. Als Klemm 1991 starb, blieb die Zukunft des Instituts zunächst ungewiss bis Wilhelm Seidel  als Ordinarius den Lehrbetrieb übernahm. 1993 wurden mit der Neugründung der Institute der Universität Musikwissenschaft und Musikpädagogik wieder getrennt. Das Institut für Musikwissenschaft erhielt das ehemalige Wohnhaus Felix Mendelssohn Bartholdys als Lehrgebäude und zwei Professorenstellen: Wilhelm Seidel für die Historische und Klaus Mehner für die Systematische Musikwissenschaft. Als Nachfolger von Mehner wurde 2004 Sebastian Klotz berufen, der 2015 an die Humboldt Universität Berlin wechselte. Den Lehrstuhl für Historische Musikwissenschaft hatte bis 2016 Helmut Loos inne. Seit 2013 ist das Institut im Gebäudekomplex Städtisches Kaufhaus in der Leipziger Innenstadt angesiedelt.


letzte Änderung: 12.02.2018 

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