Dr. Kerstin Borchhardt  

Lehrveranstaltung

Seminar

Mittwoch  11 Uhr  WMH 5/14

Inhuman – nicht menschlich!? Bilder von Grenzüberschreitungen als Verhandlungsprozesse zwischen „Othering“ und „Becoming“

Was ist der Mensch? Eine Frage, die im Zeitalter der Gen,- KI,- und Cyborgtechnologie, der Globalisierung sowie der alltäglichen Konfrontation mit ethischen, religiösen und ökologischen Problemen im Umgang mit anderen Spezies nur schwer zu beantworten ist. Tatsächlich handelt es sich bei der Unsicherheit in Bezug auf die conditio humana jedoch nicht ausschließlich um ein modernes Phänomen, vielmehr stellte diese Kategorie in der abendländischen Geschichte immer ein viel diskutiertes Konstrukt dar. Oft wurde die conditio humana dialektisch, durch das was zum Menschsein gehört in Abgrenzung zu dem was nicht dazu gehört, definiert (Horkheimer/Adorno 1987), wobei die Grenzen zwischen beiden Polen stets brüchig waren. Auch die visuellen Medien partizipieren an den Grenzverhandlungen zwischen „menschlich“, „nichtmenschlich“ und dem unheimlichen „Dazwischen“. Im Seminar soll diesem Phänomen epochenübergreifend an verschiedenen Medien nachgegangen werden. Vor dem theoretischen Hintergrund des „Otherings“ (Spivak 1985) und der „Abjektion“ (Kristeva 1982) sollen die visuellen Inszenierungsstrategien erforscht werden, durch die verschiedene Menschgruppen, so z.B. Frauen, ethnische und religiöse Gruppe oder Menschen mit Disability, als Abweichungen oder Gegenpole zur menschlichen Norm stigmatisiert wurden, was bis in die jüngste Zeit auch zur Verbreitung von herabwürdigenden Stereotypen und zur politischen Diskriminierung beitrug. Untersucht werden dabei beispielsweise Flugblätter von frühneuzeitlichen Wundergeburten sowie die Institution der „Feakshow“, Karikaturen von religiösen Abweichlern, Dämonisierungen von Frauen durch den Topos der „Femme fatale“ und die Inszenierungen von Menschen verschiedener Herkunft im kolonialen Europa. Allerdings sind nicht alle Inszenierungen von Abweichungen und Grenzüberschreitungen im Kontext eines diskriminierenden “Otherings“ zu lesen, sondern sie können ebenso als Ausdruck eines emanzipatorischen „Becomings“ (Halberstam/Livingston 1999) in Form einer Erweiterung traditioneller Vorstellungen der conditio humana und der Auflösung von damit verbundenen einengenden und diskriminierenden Grenzziehungen und Normen verstanden werden. Die theoretischen Grundlagen solcher Deutungen lassen sich in ganz unterschiedlichen Forschungen finden, so z.B. in verschiedenen an Darwin anknüpfenden Evolutionstheorien, Schopenhauers und Singers „pathozentrischer Ethik“, Haraways „A Cyborg Manifesto“ (1984), diversen Vertretern des kritischen Posthumanismus, wie Braidotti und Hayles, ebenso wie in den zahlreichen Strömungen des Transhumanismus. In vielen dieser Theorien werden kategoriale Grenzziehungen zwischen Menschgruppen, den Spezies aber auch zwischen Mensch und Maschine diskutiert und – besonders bei den Letztgenannten – wird die moderne Technologie als ein wesentliches Mittel zur Dekonstruktion und Überweindung solcher Grenzen betrachtet. Auch zahlreiche Künstler ebenso wie verschiedene Medien der Populärkultur beteiligen sich intensiv an solchen Diskussionen. An ausgesuchten und oft kontroversen Beispielen aus dem Feld der „Hybrid Art“, wie Maja Smrekars „ARTE_mis“ (2017), Amy Karles „Regenerative Reliquary“ (2016) oder Moon Ribas „Planet Dance“ (2017), wird dieser künstlerischen Partizipation und besonders der Frage nach der Rolle der Kunst in den Verhandlungsprozessen um Grenzziehungen und Grenzauflösungen sowie deren möglichen Folgen für die Gesellschaft nachgegangen. Außerdem soll ein Blick auf Beispiele aus dem Science Fiction Genre, die sich in Form von Gedankenexperimenten kritisch mit den Hoffnungen und Ängsten bezüglich solcher Grenzverschiebungen beschäftigen, wie Spike Jonzes Film „Her“ (2013) oder Alex Garlands „Ex Machina“ (2014), die Channel 4 Serie „Black Mirror“, Kazuo Ishiguros Roman „Never let me go“ (2005) und das Genre der Superheldencomics, gelegt werden.

Literatur:  Braidotti Rosi: Posthumanismus, Frankfurt/New York 2013; Brosi, Sibylle: Der Kuß der Sphinx: Weibliche Gestalten nach griechischem Mythos in Malerei und Graphik des Symbolismus, (=Form und Interesse, 20), Münster u. a. 1992; Cohen, Jeffrey Jerome: Monster theory: reading culture, Minneapolis, Mass., 1996; Foucault, Michel: Die Anormalen: Vorlesungen am Collège de France (1974–1975), (=Suhrkamp-Taschenbücher Wissenschaft, 1853), 1. Aufl., 2. Dr., Frankfurt a. M. 2008; Darwin: Kunst und die Suche nach den Ursprüngen; [anlässlich der Ausstellung "Darwin. Kunst und die Suche nach den Ursprüngen", Schirn Kunsthalle Frankfurt, 5. Februar - 5. Mai 2009], Hrsg. Kort, Pamela/Hollein, Max, Frankfurt 2009; Gebhard, Gunther/Geisler, Oliver/Schröter, Steffen (Hg.): Von Monstern und Menschen: Begegnungen der anderen Art in kulturwissenschaftlicher Perspektive, Bielefeld 2009; Geisenhanslüke, Achim/Mein, Georg (Hg.): Monströse Ordnungen: Zur Typologie und Ästhetik des Anormalen, (=Literalität und Liminalität, 12), Bielefeld 2009; Halberstam Judith/Livingston Ira: Posthuman Bodies, Indiana 1995; Hansmann, Otto: Transhumanismus - Vision und Wirklichkeit, Berlin 2015; Haraway, Donna J: Simians, Cyborgs, and Women: The Reinvention of Nature, New York 1994; Hayles, Nancy Katherine: How we became posthuman, Chicago 1999; Horkheimer Max/Adorno Theodor: Dialektik der Aufklärung, in: Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Band 5, Frankfurt/M 1987; Kac, Eduardo: Signs of Life: Bio Art and Beyond, London 2009; Koebner, Thomas: Filmgenres: Science Fiction, Ditzingen 2007; Kristeva, Julia: Powers of horror. An essay on abjection, New York 1982; Macho, Thomas/Wunschel, Anette: Science & Fiction: Über Gedankenexperimente in Wissenschaft, Philosophie und Literatur, Frankfurt a.M. 2004; McLuhan, Marschall: Die Gutenberg-Galaxis: Die Entstehung des typographischen Menschen, Hamburg 2011; Mitchel, Robert E: Bioart and the vitality of media, Washington 2010; Beate Ochsner: DeMONSTRAtion: Zur Repräsentation des Monsters und des Monströsen in Literatur, Fotografie und Film, Heidelberg 2009; Schärtl, Thomas/Hassel, Jasmin: Nur Fiktion?: Religion, Philosophie und Politik im Scince-Fiktion-Film der Gegenwart, Münster 2015; Sorgner, Stefan Lorenz: Transhumanismus: „die gefährlichste Idee der Welt“!?, Freiburg [u.a.] 2016; Spivak, Gayatri Chakravorty: The Rani of Simur, An essay in reading the archives, in: History and Theory, Vol. 24, No. 3 (Oct., 1985), S. 247-272; Wellmann, Marc: BIOS: Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur, Köln 2012.

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letzte Änderung: 01.04.2019 

Mitarbeiterin am Institut
2014 bis 2019

Stand aller Angaben:
März 2019