Unser Institut bietet die Möglichkeit, sich in Ethnologie zu habilitieren und unterstützt das Schreiben von Monographien und hochkarätigen Zeitschriftenartikeln. Die laufenden Post-Doc Projekte vereint ein spezifisches Interesse an aktuellen Themen und zukunftsorientierter Planung.

Ein Mann läuft an einer Kuh vorbei.
Blick Richtung Nil, Omdurman 2016, Foto: Stefanie Mauksch

Laufende Projekte am Institut untersuchen drängende Themen wie Klimadebatten, Landrechte und ökonomische (Un)Gleichheit. Die Projekte verbindet ein ethnologisches Interesse am Alltäglichen, sowie eine Sensibilität für das Erleben von Krisen und Gefühlen von Hoffnung, die sozialen Aktivismus, politische Interventionen und ökonomisches Handeln der Gegenwart motivieren und ihnen zugrunde liegen.

Aufforstung, Daten, Zahlungen: Zur Infrastrukturierung von Wäldern im indischen Himalaya

Dieses Projekt untersucht ethnografisch die Produktion und Umwidmung von Waldlandschaften im indischen Himalaya als Ablagerungsstätten für überschüssiges, klimagefährdendes Kohlenstoffdioxid. Durch an mehreren Orten erfolgenden und das Spektrum der involvierten Akteure abdeckenden Erhebungen, wird Klimafinanz als Moment der Infrastrukturierung von Umwelt, der Rekonfiguration von Beziehungen zum Staat und als Lokus geschlechtsspezifischer Arbeit analysiert. So wird erstens gezeigt, dass Wälder selbst als infrastrukturelle Gebilde rekonfiguriert werden, die die Verwahrung von Treibhausgasen sicherstellen sollen, und dass diese entlang dezidierter Dateninfrastrukturen als Materialisierung und Sedimentierung von Treibhausgasen verwaltet werden sollen.

Zweitens untersucht das Projekt jene, mit der Klimafinanz Einzug haltenden bürokratischen Praktiken des Dokumentierens und Evaluierens von Ökosystemdienstleistungen als Moment der Rekonfiguration der Beziehung zum Staat. Dokumente - Listen, Dateien, Zahlenreihen - werden selbst Teil der gemeinsamen Produktion von Erfolg, und werden als solche genutzt, um Zugang zu Entscheidungsträgern und staatlichen Armutsbekämpfungsprogrammen auch unter Dörflern zu sichern, die bislang davon abgeschnitten waren. Damit erweist sich ein neoliberales Projekt des sogenannten marktbasierten Umweltschutzes als Moment der Ausweitung staatlichen Einflusses, sowie des Zugriffes auf ihn.

Die Untersuchung alltagspraktischer Zusammenhänge entlang derartig umgedeuteter Waldstücke wirkt, drittens, auf Sozialgefüge ein. Waldarbeit ist lokal Frauenarbeit, die von Akteuren globaler Klimafinanz angestoßenen Prozesse der Inwertsetzung, Finanzialisierung und Territorialisierung eingezäunter Wälder betreffen also Frauen besonders und rekonfigurieren Weiblichkeit und Frauenarbeit vor dem Hintergrund neoliberaler Prinzipien. Gleichzeitig bringen Arbeit, Praktiken der Quantifizierung und Interaktion mit staatlichen Akteuren neue Formen der Vergesellschaftung und Verräumlichung hervor.

Dieses Habilitationsprojekt ist finanziert im Rahmen des DFG-geförderten SFB 1199 'Verräumlichungsprozesse unter Globalisierungsbedingungen'.

Ansprechpartner: Arne Harms

Forensische Anthropologie in verschiedenen kulturellen Kontexten: Massengrab-Exhumierungen in Folge von Gewalt in Peru und Somaliland

Forensische Anthropologie ist eine junge Wissenschaft, die Aspekte der Rechtsmedizin, Archäologie, physikalischen Anthropologie und Kultur- / Sozialanthropologie kombiniert. Ziel ist es, die genauen Umstände des Todes im Zusammenhang mit der Untersuchung früherer krimineller oder menschenrechtsverletzender Handlungen zu beleuchten. Wie jede Untersuchung der gewalttätigen Vergangenheit findet die forensisch-anthropologische Arbeit normalerweise in einem politischen und emotionalen „Minenfeld“ statt. Sie berührt umstrittene Erinnerungen auf individueller und kollektiver Ebene und ist mit konkurrierenden „Wahrheitsansprüchen“ verbunden. Forensische Anthropologie wird von einigen als Bedrohung, von anderen als Rettung wahrgenommen. Die Selbstwahrnehmung vieler forensischer Anthropologen ist, dass sie "neutrale" Wissenschaftler sind, die "Fakten" liefern. Gleichzeitig denken viele, dass ihre Arbeit den „Opfern“ bzw. den Angehörigen der „Opfer“ hilft. Forensische Anthropologen wollen die "Wahrheit" über einen Todesfall herausfinden und auf diese Weise den überlebenden Verwandten einen mentalen „Abschluss“ ermöglichen.

Diese Forschung zielt auf eine eingehende ethnografische Untersuchung der forensischen Anthropologie ab. Der Schwerpunkt liegt auf der Arbeit einer bestimmten Organisation namens Equipio Peruano de Anthropologia Forense (EPAF). Einerseits arbeitet EPAF als lokale NGO in Peru und erbringt Dienstleistungen für staatliche Behörden sowie für Zivilisten, die ihre Verwandten suchen (die im Zusammenhang mit dem Krieg zwischen dem Staat und dem „leuchtenden Pfad“ im Hochland von Peru in den 1980er Jahren getötet wurden). Andererseits fungiert EPAF als internationale NGO, die Staaten und/oder Menschenrechtsorganisationen unterstützt. In diesem Zusammenhang startete EPAF ein langfristiges Projekt in Somaliland, einer sezessionistischen Republik im Nordwesten Somalias (die seit 1991 besteht, aber immer noch keine internationale Anerkennung findet). Auch hier herrschte in den 1980er Jahren Bürgerkrieg und tausende Menschen wurden getötet und anonym in Massengräbern verscharrt. Peru und Somaliland sind die beiden Hauptstandorte forensischer Untersuchungen der EPAF. An beiden Orten organisiert die EPAF „Feldschulen“ hauptsächlich für internationale Studenten, die eine praktische Ausbildung in forensischer Anthropologie und im Umgang mit den Folgen von Gewalt (einschließlich transitional justice) erhalten wollen.

Zentrale Fragen der Forschung sind: Wie funktionieren die besonderen Kenntnisse und Praktiken der forensischen Anthropologie in verschiedenen kulturellen Kontexten? Wie beeinflussen kulturspezifische Ansichten über den Tod und das Jenseits die forensische Arbeit? Welche Interessen haben die verschiedenen an Exhumierungen beteiligten Akteure (z. B. Forensiker, Staatsbeamte, Angehörige der Opfer)? Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die forensische Anthropologie, insbesondere im Zusammenhang mit menschenrechtsbezogener Arbeit (was sowohl in Peru als auch in Somaliland häufig der Fall ist), Teil des seit den 1980er Jahren unter anderem durch die Einrichtung von Wahrheits- und Versöhnungskommissionen, Sondergerichten und des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) entstandenen „global accountability regimes“ ist. Eine weitere Reihe von Fragen bezieht sich daher auf lokal-globale und transnationale Dynamiken im Umgang mit der gewalttätigen Vergangenheit an bestimmten Orten im Sinne einer „Lokalisierung der Übergangsgerechtigkeit (localization of transitional justice)“.

Ansprechpartner: Markus Höhne

Unvollendete Entrepreneure: Hoffen und Gründen im Sudan

Heroische Diskurse rund um den Entrepreneur prägen Imaginationen der wirtschaftlichen Zukunft Sudans. In Zeiten wirtschaftlicher Instabilität, Inflation und beschränktem Zugang zu wichtigen Gütern wie Weizen und Erdöl, rahmt der Narrativ des entrepreneurialen Aufsteigers die Verantwortung und Passion des Individuums als zentrale ökonomische Antriebskraft. Diese Forschung widmet sich der Frage, welche Zukunftsversprechen und neue Modi des Hoffens und Handelns durch Entrepreneurship Diskurse entworfen und ermöglicht werden. Wie werden entrepreneuriale Appelle im Alltag verhandelt? Was bedeutet es, sich in einem krisengezeichneten Land als Entrepreneur zu imaginieren? Wie verwirklichen Akteurinnen und Akteure ihre Ideen des Aufstiegs in Konfrontation mit ökonomischen und politischen Unmöglichkeiten? Das Projekt verfolgt das Entstehen einer sudanesischen Entrepreneurship-Landschaft. Im Zentrum der Analyse steht der Umgang von Individuen mit dem Unerwarteten und das unvollendete Werden des Entrepreneurs.

Ansprechpartnerin: Stefanie Mauksch

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