Ägyptisches Museum 

Skarabäen

Auch heute noch werden den Touristen in Ägypten unzählige Formen von Skarabäen, kleine Objekte in Form des ägyptischen Mistkäfers angeboten. Ihre Beliebtheit reicht jedoch weit in die Pharaonenzeit zurück. Die ältesten sicher datierbaren Skarabäen stammen aus Grabfunden gegen Ende der Ersten Zwischenzeit und sind bis in die griechisch-römische Zeit greifbar (ca. 2100 v. Chr.–395 n. Chr.). 

Scarabaeus sacer

scarabaeus sacer

Über 19.000 Arten gehören zur Familie der Skarabäen (Abb. 1 und 2), von denen 74 in Ägypten vorkommen. Davon war es vor allem der Scarabaeus sacer, der „heilige Pillendreher“, der dargestellt wurde. Andere Spezies aus der Familie der Blatthornkäfer fanden nur am Rande Eingang in die Skarabäenproduktion.

Chepre

Wie in anderen ägyptischen Museen lassen sich auch im Leipziger Museum zahlreiche dieser Objekte (370 Stück) finden. Allein dies zeigt, dass es sich bei dem Skarabäus von Anfang an um eine beliebte Massenware handelte. Die Ägypter sahen in ihm aufgrund seines Verhaltens ein Symbol der Regeneration und schlossen ihn in die Vorstellungen vom Sonnenlauf ein. Zum einen ähnelt das Rollen der Mistkugel durch den Skarabäus dem Lauf der Sonne am Himmel. Zum anderen wurde das Hervorbrechen eines jungen Tieres aus der Erde als eine zeugungslose Geburt angesehen, da die Ägypter nicht beobachteten, wie das Weibchen ein Ei in eine vergrabene Dungkugel legte. Diese Erdgeburt hatte Ähnlichkeiten mit dem täglichen Erscheinen der Sonne am Morgenhimmel, da die Sonne nach ägyptischem Denken jeden Tag aufs Neue aus der Erde wiedergeboren wurde. Der morgendliche Aufgang wurde dabei dem jugendlichen Sonnengott Chepre (Abb. 3) zugeschrieben, der meistens in Gestalt eines Mannes mit einem Skarabäus als Kopf abgebildet und verehrt wird. Das Schriftzeichen des Skarabäus steht für das Wort xpr (sprich: cheper) und bedeutet „werden, entstehen“.

Ring

Ring

Aufgrund dieser Vorstellungen wurden zahlreiche Skarabäen hergestellt, die als Amulette sowohl im Diesseits als auch im Jenseits getragen wurden. Sie sind meistens längs durchbohrt, um sie beispielsweise auf Ketten zu fädeln oder in Ringe einzupassen. Im Leipziger Museum befindet sich ein Schmuckstück (Abb. 4) mit einem aus Lapislazuli gefertigten Skarabäus. Die Ringfassung ist aus Bronze gearbeitet worden. 

Mumienschmuck

Häufig wurden die Skarabäen im Grabkontext als Bestandteil des Mumienschmucks gefunden. Dazu zählt der abgebildete geflügelte Skarabäus (Abb. 5), der Bestandteil eines neunteiligen Leipziger Ensembles ist. Er weist mehrere Löcher auf, um ihn an die Binden der Mumie befestigen zu können. Dabei konnten die Skarabäen sowohl in die Binden eingearbeitet als auch auf die Mumie gelegt werden. Ihre Aufgabe im Grab war es, dem Verstorbenen bei seiner Wiederauferstehung zu helfen.

Käferunterseite-realistisch

Skarabaeus

Oftmals ist jedoch nicht mehr zu bestimmen, welche Skarabäen für den Lebenden bzw. speziell als Grabbeigabe angefertigt wurden. Allerdings zeichnen sich einige Museumsstücke dadurch aus, dass ihre Basis undekoriert oder die Käferunterseite naturalistisch gestaltet ist (Abb. 6). Diese Skarabäen, wie auch solche, die keine Abnutzungsspuren zeigen und sehr fragil sind, scheinen speziell für den Verstorbenen angefertigt worden zu sein.

Käferunterseite-dekoriert

Bei den meisten Stücken der Leipziger Sammlung sind die Oberseite, die Beine und der Kopf naturnah wiedergegeben worden. Die ovale flache Unterseite der Skarabäen verziert dagegen eine Dekoration. Diese kann ornamentale, florale, menschliche und tierische Darstellungen aufweisen. Daneben sind auch Formeln, Titel und Götter sowie deren Namen bezeugt. Wenn die Interpretation dieser Motive auch zuweilen nicht sicher ist, so scheinen sie immer eine schützende Funktion zu besitzen. Königliche Elemente und Königsnamen sollten vor allem die positive Wirkmacht auf den Besitzer übertragen. Ein Beispiel dafür ist das abgebildete Leipziger Stück (Abb. 7), welches das Museum durch Schenkung erwarb. In der oberen Zeile sind die Binse und die Biene dargestellt, die zusammen die Lesung nswt-bjtj „der König von Ober- und Unterägypten“ aufweisen. Die Sonnenscheibe sowie der Skarabäus darunter beziehen sich auf den Sonnengott und die damit verbundene Regeneration. Diese Haltung wird von den vier Lebenszeichen unterstützt, von denen sich jeweils zwei auf der rechten und linken Seite befinden. Das Zeichen für Gold, der Halskragen, befindet sich im unteren Ende und kann sowohl in die göttliche als auch königliche Sphäre eingebunden werden. Durch dieses Element soll dem Besitzer wiederum Kraft verliehen werden. Demnach handelt es sich nicht um eine zusammenhängende Lesung, sondern um eine Gruppe von symbolträchtigen Darstellungen zur Sicherstellung des Wohlergehens für den Amulettträger.

Knopfsiegel

Knopfsiegel

Abdrücke der Käferunterseite zeigen außerdem, dass die Skarabäen zum Stempeln benutzt werden konnten, um Eigentum zu markieren. Zudem war es durch das Siegeln von Gefäßverschlüssen oder Tonplomben möglich, Manipulationen zu verhindern. Bei den Skarabäen handelt es sich um Siegelamulette. In der Funktion als Stempelsiegel lösten sie allmählich die bisherigen Siegel ab, die vom Ende des Alten Reiches bis in das frühe Mittlere Reich (ca. 2300–2100 v.Chr.) verwendet wurden. Die Anfänge bildeten die Knopfsiegel, von denen sich drei Stück aus der 1. Zwischenzeit im Leipziger Museum befinden (Abb. 8). Sie sind kegel- oder trapezförmig mit einer runden bzw. eckigen Basis. Zudem besitzen die Knopfsiegel eine Öse, damit sie auf eine Schnur gefädelt werden können.

Skaraboid

Die nächste Gruppe der Siegelamulette bilden die Platten und Skaraboide. Auch sie besitzen eine unterschiedlich dekorierte flache Unterseite und sind durchbohrt. Die Oberseite ziert dagegen nicht ein Skarabäus, sondern ein anderes Tier, ein Mensch, ein Symbol oder eine Kombination von mehreren Figuren. Zu den Skaraboiden zählen sowohl plastisch als auch halbplastisch ausgearbeitete Figuren. Bei den Platten ist die Oberseite plan oder leicht bombiert. Die Übergänge der einzelnen Formen sind dabei fließend.             Ein Leipziger Stück (Abb. 9) zeigt auf der Oberseite einen Pavian, der aufgrund seines Verhaltens unter anderem als Verkünder des Sonnenauf- und –untergangs gehalten wurde. Diese Tiere haben nämlich die Angewohnheit, sich am Morgen und Abend zu versammeln und laute Geräusche von sich zu geben. Zudem strecken sie ihre Arme bei Tagesanbruch nach oben, um sich den durch die Bodenkälte verkühlten Bauch von der Sonne wärmen zu lassen. Zahlreiche Darstellungen zeigen daher, wie sie mit erhobenen Armen dem Sonnengott huldigen. Ferner ist der Pavian mit dem Mondgott Thot verbunden. Er verkörpert die Mondphasen und kann damit wie der Skarabäus sowohl das Vergehen als auch das Wiederentstehen symbolisieren.

Herszkarabaeus-Oberseite-Bild

Herzskarabaeus

Neben den bisher genannten Skarabäentypen gibt es die Herzskarabäen. Diese haben sich im Neuen Reich entwickelt und sicherten den Übergang des Verstorbenen in das Jenseits. Auch hier bildet der Skarabäus die formale Grundlage, deren Ausgestaltung aber unterschiedlich erfolgen konnte. 

Herzskarabaeus-Oberseite-Umzeichnung

Bei dem Leipziger Beispiel (Abb. 10 und 11) liegt eine Mischgestalt vor, bestehend aus einem Käferkörper und menschlichem Gesicht, das möglicherweise den Verstorbenen in idealisierter Weise darstellt. Dekorative Linien verzieren die Rückenplatte und das Haar. Auf der Bodenplatte ist ein neunzeiliger hieroglyphischer Text eingeritzt, der das Kapitel 30b aus dem Totenbuch der Ägypter darstellt (Abb. 12). In ihm bittet der verstorbene Besitzer Amenhotep sein Herz, im Totengericht nicht negativ gegen ihn auszusagen:

Herzskarabaeus-Unterseite

unterseite

1.  Worte zu sprechen durch den Schreiber Amenhotep, indem er sagt: [Herz] 2.  (meiner) Mutter. Herz (meiner) Mutter. Oh mein Herz von (meinem) Werden. [Stehe nicht auf] 3.  gegen mich als Zeuge. Widersetze dich mir nicht 4.  vor dem großen [Richterkollegium] des Osiris vor dem Waagemeister. Du [bist der Ka in]

Transkription

5.  meinem Leib. Chnum, der meine Glieder wohlerhält. Du mögest hervorgehen           6.  zum [schönen Ort], der uns zugewiesen ist. Mache meinen Namen nicht stinkend i[m] 7.  [Hof]staat, der die Menschen {die Lebenszeit} <zu Auferstandenen> macht. Gut sei es für uns, 8.  für [den Verhörenden],  eine Herzensfreude für den Richtenden. Sprich nicht [Lügen gegen mich] 9.  an der [Seite] des Gottes. Siehe, du wirst erhoben werden, so dass du existierst.

 

 

Herzskarabaeus-Verwendung

Die Ägypter gingen bei den hierfür verwendeten Texten davon aus, dass der Verstorbene nach seinem Tod zunächst zum Jenseitsgericht geführt wird. Unter dem Vorsitz des Gottes Osiris wird das Herz als Sitz des Verstandes und der Gefühle auf eine Waage gelegt. Das Gegengewicht bildet dabei die Maat, d.h. die Gerechtigkeit und Wahrheit. Wenn das Herz leichter war und der Lebensweg des Verstorbenen damit als gut empfunden wurde, durfte der damit Gerechtfertigte in das Jenseits eintreten. Gelang dies jedoch nicht, wurde er von der Fresserin verzehrt. Wegen der enormen Wichtigkeit, die Wägung zu bestehen, wurden die Herzskarabäen als Schutz mit in das Grab gegeben. 

Gedenkskarabaeus

Gedenkskarbaeus

Ferner gibt es in der Leipziger Sammlung noch die Gedenkskarabäen, die im Auftrag des Königs Amenophis III. angefertigt wurden. In den Inschriften auf der Basis wird an politische Erfolge, Jagden und Hochzeiten des Königshauses erinnert. Die Skarabäen wurden für propagandistische Zwecke verwendet,  da mit ihnen die Geschehnisse relativ schnell und einfach im Herrschaftsgebiet bekannt gemacht werden konnten. In dem Leipziger Objekt (Abb. 13) wird die Stärke und Tapferkeit des Pharaos Amenophis III. hervorgehoben. So berichtet der Text davon, dass dieser König innerhalb von 10 Jahren 102 Löwen erlegt hat.

Verteilung

Die Skarabäen erfreuten sich allerdings nicht nur in Ägypten größter Beliebtheit, sondern fanden von dort aus auch den Weg in die angrenzenden Kulturen des Mittelmeerraumes (Abb. 14). Zunächst gelangten sie durch den Handel in die umliegenden Gebiete. Dann entwickelten sich in einigen Gebieten eigene Werkstätten, welche die Produktion übernahmen und die Anfrage befriedigten. Der Charakter der Inschrift und der Abbildungen wurde dabei dem eigenen kulturellen Empfinden angepasst. Allerdings wurde die einheimische Sprache für die Skarabäen nicht verwendet. Stattdessen  imitierte man die ägyptischen Hieroglyphen, um möglicherweise die Wirkung der Skarabäen aufrecht zu erhalten. Wie die Funde aus griechischen Heiligtümern und aus Gräbern der punischen Kultur zeigen, hatten die Skarabäen in diesem Umfeld anscheinend eine vergleichbare Funktion wie bei den Ägyptern und wurden nicht nur als bloßer Schmuck angesehen.

Litertaurverzeichnis

Literatur:   

- Hornung, Erik / Staehelin, Elisabeth (Hgg.): Skarabäen und andere Siegelamulette aus Basler Sammlungen; Mainz 1976.                                       
- Keel, Othmar: Corpus der Stempelsiegel-Amulette aus Palästina/Israel- Von den Anfängen bis zur Perserzeit Bd. 1: Von Abu Farağ bis ʿAtlit ; Orbis biblicus et orientalis 13; Freiburg (Schweiz)/Göttingen 1997.                                         - Levinson, Hermann / Levinson, Anna: Venerated beetles and their cultural-historical background in ancient Egypt; in: Insekten als Symbole göttlicher Verehrung und Schädlinge des Menschen; Spixiana. Zeitschrift für Zoologie, Supplement 27; München 2001, S. 33–67.                                                         - Myer, Isaac: Scarabs. The history, manufacture and religious symbolism of the scarabaeus in ancient Egypt, Phoenicia, Sardinia, Etruria. Also remarks on the learning, philosophy, arts, ethics of the ancient Egyptians, Phoenicians, etc. Dayton; New York 1894.                                                                             
- Nunn, Astrid: Der figürliche Motivschatz Phöniziens, Syriens und Transjordaniens vom 6. Bis zum 4. Jahrhundert v. Chr.; Orbis biblicus et orientalis 18; Freiburg (Schweiz)/Göttingen 2000.                                            
- Nunn, Astrid: Die Skarabäen und Skaraboide aus Westvorderasien und Mesopotamien; in: Nunn, Astrid (Hg.): Skarabäen außerhalb Ägyptens. Lokale Produktion und Import? Workshop an der Ludwig-Maximilians-Universität, München, November 1999; BARS 1205 (2004), S. 13–53.                                 
- Onasch, Angela: Die Skarabäen des Ägyptischen Museums der Universität; in: Blumenthal, Elke/Onasch, Angela (Hgg.): Skarabäen in Leipzig. Ein Grabstein mit Skarabäus auf dem Südfriedhof. Die Skarabäen des Ägyptischen Museums der Universität; Kleine Schriften des Ägyptischen Museums der Universität Leipzig Bd. 7; Leipzig 2005.                                                             
- Seidelmayer, S. Johannes; Gräberfelder aus dem Übergang vom Alten zum Mittleren Reich. Studien zur Archäologie der Ersten Zwischenzeit, (Studien zur Archäologie und Geschichte Altägyptens Bd. 1); Heidelberg 1990, S. 185-192.  
- Ward, William A.; Studies on Scarab Seals I; Warminster 1978.                     
- Wiese, André B.; Die Anfänge der ägyptischen Stempelsiegel-Amulette: eine typologische und religionsgeschichtliche Untersuchung zu den „Knopfsiegeln“ und verwandten Objekten der 6. Bis frühen 12. Dynastie; Orbis biblicus et orientalis 12; Freiburg (Schweiz)/Göttingen 1996.                                            
- Wilkinson, Richard H.; Egyptian Scarabs; Shire Publications in Egyptology 30; Buckingshamshire 2008.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: nach: Ward, William A.; Studies on Scarab Seals I; Warminster 1978, Frontispiz.                                                                                                   Abb. 2: Levinson, Hermann / Levinson, Anna: Venerated beetles and their cultural-historical background in ancient Egypt;  in: Insekten als Symbole göttlicher Verehrung und Schädlinge des Menschen; Spixiana. Zeitschrift für Zoologie, Supplement 27; München 2001 S. 46, Fig. 4a, Sc. s.
Abb. 3: Levinson, Hermann / Levinson, Anna: op. cit.;  S. 37, Fig. 1a.               Abb. 4–13: Ägyptisches Museum – Georg Steindorff –
Abb. 14: https://maps.google.de/

Martina Grünhagen M.A.


letzte Änderung: 10.01.2018 

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