Dr. Kerstin Borchhardt  

Lehrveranstaltung

Übung

Mittwoch  13 Uhr  WMH 5/14

Prometheus, Frankenstein und Homunkulus - Unkontrollierbare Schöpfungen in der Kunst

“You are my creator, but I am your master; - obey!” Mit dieser stolzen Anmaßung ließ Mary Shelley in ihrem Roman Frankenstein (1818) das namenlose Monster seinem Schöpfen entgegentreten. Heute – 200 Jahre später – scheint ein solches Statement aktueller denn jemals zuvor: In einer Zeit, in der die Errungenschaften der (post-)modernen Wissenschaften – allen voran die Gen,- Nuklear- und Cyborgtechnologie – im Stande sind, die „very basics“ der Conditio Humana zu verändern, findet jegliche Unterart der Spezies „Frankensteinmonster“ einen fruchtbaren Nährboden in zahlreichen Medien. Ungeachtet der Aktualität dieses Paradigmas – das auch als „Frankenstein-Symptom bzw. -Syndrom“ bekannt ist – handelt es sich in seiner Grundstruktur um eine zeitgenössische Adaption des uralten Konzepts eines in die Weltordnung einschneidenden Sündenfalls, wie er in diversen Mythen und Religionen geschildert wird. Dabei begehrt das „Geschöpf“ gegen seinen „Schöpfer“ und das von diesem etablierte Ordnungssystem auf, wodurch der Status der Existenz grundlegend verändert wird. In der Vorstellung zahlreicher Menschen können diese Veränderungen vielerlei Konsequenzen sowohl für das Individuum als auch für soziale Gruppen, kulturelle Institutionen und politische Systeme mit sich führen, die von der befreienden Revolution bis zur totalen Apokalypse reichen. Nicht nur in Romanen sondern auch in zahlreichen visuellen Medien – darunter etablierte Kunstwerke ebenso wie populäre und (pseudo-)dokumentarische Medien – werden derartige Konsequenten als Gedankenexperimente ausgetestet. Durch die Lehrveranstaltung soll ein Einblick in dieses vielschichtige, gleichermaßen aktuelle wie zeitlose Problemfeld gegeben und mittels verschiedenen Ansätzen erforscht werden, die das Feld der traditionellen Kunstgeschichte um interdisziplinäre Aspekte erweitern. Die Übung ist als eine Art Testboden zu verstehen, auf dem unterschiedliche kunsthistorische, bildwissenschaftliche, kulturwissenschaftliche, medientheoretische und philosophische Methoden erprobt werden sollen, um das Paradigma des „Frankenstein-Symptoms“ an gleichermaßen historischen wie zeitgenössische Medien, so z.B. Kunstbilder, Skulpturen, Performances, Filme und Zeitschriften, zu analysieren. Vor dem theoretischen Hintergrund von grundlegender Schriften wie Hans Blumenbergs Arbeit am Mythos (2006), utopisch-posthumanistischen Ansätzen wie Donna J. Haraways A Cyborg Manifesto (1985), kritischen Auseinandersetzungen wie Francis Fukyamas Das Ende des Menschen (2002) sowie Schöpfungsmythen aus verschiedenen Kulturen werden ausgesuchte visuelle Exempel auf ihre „Frankensteinqualitäten“ untersucht. Neben tradierten kunstgeschichtlichen Topoi wie Adam, Prometheus und Pygmalion, soll der Fokus vor allem auf zeitgenössischen Werken, wie der transgenen Kunst von Eduardo Kac, Stelarcs Medien- und Performancekunst, HR Gigers Biomechanoiden oder Patricia Piccininis ethisch-pathozentrischen Skulpturen liegen. Außerdem werden verschiedene Medien der Populärkultur – ganz besonders des Science-Fiction- und Fantasy-Genres – in den Fokus genommen. Dazu zählen u.a. filmische Adaptionen zu Mary Shelleys Roman, Ridley Scotts „Prometheus“ (2014) und Colin Trevorrows „Jurassic World“ (2015) ebenso wie ironisierende und karikierende Auseinandersetzungen mit dem Thema, wie Richard O'Briens „The Rocky Horror Picture Show“ (1975), Declan O'Briens „Sharktopus“ (2010) oder Steven Spielbergs Animationsserie „Pinky and the Brain“ (1995 – 2001).

Literatur:  Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos, Frankfurt a. M. 2006. – Braidotti, Rosi: Posthumanismus, Frankfurt; New York 2014. –  Eils, Roland/Damm, Ursula/Waligorski Alexandra: Not invented by nature: Im Zusammenspiel zwischen synthetischer Biologie und Bio-Art, Weimar 2015. – Fukyama, Francis: Das Ende des Menschen (Our Posthuman Future: Consequences of the Biotechnology Revolution), 2002. – Haraway, Donna J: Simians, Cyborgs, and Women: The Reinvention of Nature, New York 1991 – H.R. Giger: Das Schaffen vor Alien 1961 – 1976, Zürich 2007. –  Ders: H.R. Giger's Filmdesign, Zürich 1996. – Irrgang, Bernhard: Posthumanes Menschsein: Künstliche Intelligenz, Cyberspace, Roboter, Cyborgs und Designer Menschen – Anthropologie des künstlichen Menschen, Wiesbaden 2005 – Helmes, Marion M./Wieher, Gabriele Cécile: Mythen in Moderne und Postmoderne: Weltdeutung und Sinnvermittlung, Berlin 1995. – Kac, Eduardo: Telepresence & Bio Art: Networking Humans, Rabbits & Robots, Michigan 2005. – Ders: Signs of Life: Bio Art and Beyond, London 2009. – Koebner, Thomas: Filmgenres: Science Fiction, Ditzingen 2007. – Macho, Thomas/Wunschel, Anette: Science & Fiction: Über Gedankenexperimente in Wissenschaft, Philosophie und Literatur, Frankfurt a.M. 2004. – Kuhn, Annette : Alien Zone. Cultural Theory and Contemporary Science Fiction Cinema. 7. Auflage. London/New York, 1990. – McLuhan, Marschall: Die Gutenberg-Galaxis: Die Entstehung des typographischen Menschen, Hamburg 2011. – Mitchel, Robert E: Bioart and the Vitality of Media, Washington 2010. – Mersch, Dieter: Kunst und Wissenschaft, Paderborn 2007. – Rollin, Bernhard E.: The Frankenstein Syndrome, Ethical and social issues in the genetic engineering of animals, Cambridge 2003 – Schärtl, Thomas/Hassel, Jasmin: Nur Fiktion?: Religion, Philosophie und Politik im Scince-Fiktion-Film der Gegenwart, Münster 2015. – Rötzer, Florian: Der vernetzte Körper, 1996, auf: https://www.heise.de/tp/features/Der-vernetzte-Koerper-3440995.html - Shelley, Mary: Frankenstein, London 2003 – Shone, Tom: Woman: The Other Alien in Alien. Why are academics so obsessed with Ridley Scotts movies and its sequels. An Alien Bibliographie, on Slate, auf: www.slate.com/articles/arts/culturebox/2012/06/prometheus_why_are_academics_so_obsessed_with_ridley_scott_s_alien_and_its_sequels_.html  - Wellmann, Marc: BIOS: Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur, Köln 2012. – Winner, Langdon: Frankensteins problem and technology as legislation, auf: homepage.usask.ca/~wjb289/PHIL236/pdf/10_Winner.pdf.  www.patriciapiccinini.net -

weitere Lehberanstaltungen  -hier-


letzte Änderung: 08.01.2018 

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