Prof. Dr. Dr. Tanja Zimmermann  

Lehrveranstaltung

Seminar

Mittwoch  09 Uhr  WMH 5/15

Zerrissene Gesellschaft: Kunst und demokratische Prozesse

Künstler stehen vor dem Dilemma, ob und wie sie sich durch ihre Kunst politisch-sozial engagieren: Partizipieren sie intensiv am politisch-sozialen Leben, gehen sie die Gefahr ein, dass ihre Werke als Propaganda oder als nicht künstlerisch abgelehnt werden. Schotten sie sich von der Politik und vom gesellschaftlichen Umfeld ab, wird ihnen vorgeworfen, dass sie autonome, lebensfremde l’art pour l’art produzieren. Im Seminar werden unterschiedliche Arten politisch engagierter Kunst- und Bildproduktion in den Blick genommen – vom Realismus des 19. Jh. zur Dokumentarfotografie bzw. zum Fotojournalismus, der politische Ereignisse aufzeichnet oder langsame, jedoch tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft aufdeckt, von der „Faktenkunst“ der russischen Avantgarden zur „applied social art“, zu der der polnische Videokünstler und Kurator Artur Żmijewski auf der Berlin Biennale 2012 aufgerufen hat. Die „angewandte soziale Kunst“ zielt darauf ab, die Grenze von Kunst und Leben in Frage zu stellen und neue Realitätsräume eröffnen, in denen politisch-soziale Gegebenheiten nicht nur kognitiv-emotional, sondern auch performativ-körperlich nachvollzogen werden sollen. Untersucht werden Künstler, die nach dem Prinzip der Mimikry als Politiker auftreten (Gruppe Janez Janša), soziale Experimente durchführen (Żmijewski) oder die Kunst zum investigativen Instrument bei der Rekonstruktionen von vermeintlichen politischen Verbrechen machen (Gruppe Forensic Architecture). Schließlich werden in der Veranstaltung auch die Grenzen der dokumentarischen Medien im digitalen Zeitalter ausgelotet; die dokumentarischen Comics werden ihnen als Gegenentwurf gegenübergestellt. Die Projektgruppe wird, soweit dies Organisation und Zeitpläne zulassen, mit den Kuratoren und Organisatoren des 18. Festivals für Fotografie f/stop Leipzig Zerrissene Gesellschaft zusammenarbeiten. In der angeleiteten Projektarbeit und der Übung werden Studierende das historische und methodologische Kompetenzen erwerben, um auf dieser Grundlage dann auch in kurzer Frist Begleittexte für das 8. Festival für Fotografie f/stop Leipzig verfassen und Führungen durch die Ausstellung Zerrissene Gesellschaft (22.06.- 01.07.2018) anbieten zu können. Möglicherweise werden weitere Bibliotheken und Archive aufgesucht und dort exemplarisch ausgewählte Foto- und Comicreportagen vorgestellt. Diejenigen unter den Teilnehmern, die sich fristgerecht für eine vor längerer Zeit geplante bereits  Exkursion nach Ljubljana angemeldet haben, werden dort zusätzlich am Workshop Entangeld Society. Art and Democratic Prozesses (07.06.-10.106.2018) teilnehmen, der in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut France Stele an der Slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste und voraussichtlich auch dem Festival f/stop Leipzig ausgerichtet wird. Die dort erbrachten Leistungen sind nicht integraler Bestandteil des Projektmoduls, werden aber begleitend betreut und ausgewertet.

Literatur:  Huse, Ulrich (Hg.): Zensur und Medienkontrolle in demokratischen Gesellschaften. Wiesbanden 2017; Frimmel, Sandra/Liptay, Fabienne/Sajewska, Dorota/Sasse, Sylvia (Hg.): Kunst als Alibi. Zürich-Berlin 2017; Weizman, Eyal: Forensic architecture: violence at the treshold of detectability, New York 2017; Latimer, Quinn/Szymczyk, Adam (Hg): Der Documenta 14 Reader. München 2017; Vowinckel, Annette (Hg.): Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert. Göttingen 2016; Hüppfauf, Bernd: Fotografie im Krieg. Paderborn 2015; Paul, Gerhard: BilderMacht. Studien zur Visual History des 20. und 21. Jahrhunderts. Göttingen 2013; Żmijewski /Artur, Warsza, Johanna (Hg.): Forget Fear. 7. Berlin Biennale für Zeitgenössische Kunst, Köln 2012; Piotrowski, Piotr (ed.): Art and Democracy in Post-Communist Europe. London 2012; Grittmann, Elke: Das politische Bild. Fotojournalismus und Pressefotografie in Theorie und Empirie. Köln 2007; Holzer, Anton: Rasende Reporter. Eine Kulturgeschichte des Fotojournalismus.  Hoffmann, Kay (Hg.): Trau – schau – wem. Digitalisierung und dokumentarische Form. Konstanz 1997; Ertel, Dieter (Hg.): Strategie der Blicke. Zur Modellierung von Wirklichkeit in Dokumentarfilmen und Reportage. Konstanz 1996; Grünewald, Dietrich (Hg.): Der dokumentarische Comic. Reportage und Biografie. Essen 2013; Herding, Klaus (Hg.): Realismus als Widerspruch. Die Wirklichkeit in Courbets Malerei. Frankfurt a.M. 1979.

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letzte Änderung: 17.04.2018 

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