Historisches Seminar 

Münzpolitik im Reich

Münzpolitik im Reich im Spannungsfeld zwischen Edelmetallkrise und Preisrevolution (c.1470-1540)

Projektleitung/ Projektbeteiligter:
PD Dr. Philipp Rössner

Kurzbeschreibung

Um 1500 war Deutschland nicht nur "ein Sammelbecken ausländischen Geldes" (Kellenbenz) geworden, sondern der generelle Trend der Rechengeldentwertung, d.h. die im Zeitverlauf progressive Reduktion des Feingehalts insbesondere der umlaufenden Klein- (Pfennige, Heller, Kreuzer) und Mittelnominale (Batzen), hatte sich noch verstärkt (Metz).

(1) Dies war eine europaweite Entwicklung; doch im Reich, insbesondere in seinen "deutschen" Teilen, ergab sich aufgrund der territorialpolitischen Fragmentierung und der verwirrenden Vielfalt der umlaufenden Geldsorten eine besonders heikle Situation.

(2) Es existierten mindestens zwei verschiedene Austauschsphären: einmal die „höherwertige Austauschsphäre“ und zum anderen die Sphäre, in welcher „Mindergeld“, d.h. vorwiegend Scheidemünzen verwendet wurden. Beide Sphären scheinen sich grob gesehen mit entsprechenden sozioökonomischen Klassen (im Weberschen Sinne) gedeckt zu haben. Kaufleute, Fernhandel, Steuern und Abgaben erhebende Grund- und Territorialherren, sowie Zinseinnahmen beziehende Bürger und Kaufleute bedienten sich zur Abwicklung ihrer wirtschaftlichen Aktivität überwiegend der „besseren“ Gelder. Ihre ökonomische Aktivität war also tendenziell eher in der „höherwertigen Austauschsphäre“ verankert, während sich die große Mehrzahl der Bevölkerung in der „niedrigwertigen“ Austauschsphäre verortete und bei der Abwicklung von Transaktionen hauptsächlich auf „Mindergeld“ (Scheidemünze) rekurrieren musste.

(3) Diese Scheidemünzen aber hatten die höchsten Entwertungsraten. So verlor der Frankfurter Heller zwischen 1404 und 1541 22% seines Feingehalts (gAg); der Würzburger Pfennig zwischen 1400 und 1525 42%, und der Augsburger Pfennig wertete im gleichen Zeitraum um 54% ab. Und selbst nachdem die Albertiner und Ernestiner mit der Umstellung vom Gold- auf einen Silbergulden (Guldengroschen, "Taler") 1500 den (schlussendlich erfolglosen) Schritt zur Errichtung einer Hartwährungszone vollzogen (Leipziger Münzordnung von 1500), wertete das maßgebliche Nominal im täglichen Zahlungsverkehr Großsachsens (der Zinsgroschen zu 1/21 Rh fl) bis 1540 um bis zu 19% ab, folgte also dem allgemeinen deutschen und europäischen Trend.

(4) Daher gilt: Wann immer die unterschiedlichen Tauschsphären (siehe Punkt 2) systemisch nicht genau geschieden waren, sich vermischten, also etwa minderwertige Münze in die „höheren Tauschsphären“ wie den Messehandel eindrang, mussten sich die Beteiligten gegen das Sortenkursrisiko mit einem Agio absicherten.Wann immer aber nominelle Gleichwertigkeit der Münznominale bestand, z.B. die schlechten Münzen nicht offiziell (qua Münzedikt, Valvationsurkunde) devalviert waren, fühlten sich jene Kreise der Bevölkerung, deren Faktorleistungen in „Mindermünze“ vergütet wurden, benachteiligt (siehe Punkt 6).

(5) Münzabwertungen und Münzverschlechterungen sowie der allgemeine „Münzwirrwahr“, die ungeheure Vielzahl an umlaufenden Geldsorten im Reich und die strukturell schlechtere Ausstattung der „gemeinen“ Bevölkerung mit guten Münzen führten zwangsläufig zu einer Erhöhung der Transaktionskosten. Bauern mussten sich zu bestimmten Stichtagen gute Münze besorgen, z.B. für Zinszahlungen, oder zur Zahlung von Steuern an die Landesherren, während sie ihre Markterlöse häufig in schlechter Münze erzielten. Kreditnehmer mussten meistens zu den selben Stichdaten (Zahlungsziel am Leipziger Rentenmarkt etwa waren Michaelis und Walpurgis, also dieselben Daten, an denen in den sächsischen Ämtern die Geldzinsen eingingen und die Leipziger und Naumburger Messen stattfanden) „hohe Münze“ aufbringen usw. Somit wurde die Effizienz der gesamtwirtschaftlichen Aktivität (Totale Faktorproduktivität, TFP) gesenkt.

(6) Auch zeitigte die Situation eine Reihe sozioökonomischer Imbalancen, welche sich - neben einer Reihe anderer Faktoren - wiederholt in ländlichen (und städtischen) Unruhen (1458/62-1526) entluden. Eine Vielzahl bäuerlicher Gravamina beklagt das desolate Münzwesen in der jeweiligen Region, vom Bauernkrieg in Innerösterreich 1458/62 an, über Solothurn (1503) bis hin zum "Armen Konrad" (1516) in Württemberg und dem "Bauernkrieg" (1524-26).

(7) Als Ursachen des desolaten Münzwesens im Reich sind hauptsächlich zu nennen: (a) die allgemeine Edelmetallknappheit des Spätmittelalters, die sich nach 1470 und bis etwa 1540 als relative Silberkrise fortsetzte; sowie (b) der Silberexport aus dem Reich. 90-100% der Tiroler und Mansfelder Produktion (Thüringer Saigerhütten) wurden nach 1500 exportiert; allein das erzgebirgische Silber kam in nennenswertem Ausmaße der sächsischen Zirkulation zugute. Dies ergab eine "relative Silberkrise", 1470-1530, da ja absolut gesehen die Ausbeute der deutschen/zentraleuropäischen Silberminen stieg.

(8) Als Hintergrund ist u.a. die Erschließung der Kaproute und der Aufbau des Portugiesischen Kolonialreiches nach 1500 zu sehen. Der erhöhte Finanzierungsbedarf (Silber und Kupfer) der Portugiesen wurde über Antwerpen durch das deutsche Kupfer und Silber (Thüringen, Schwaz) gedeckt (neben den ungarisch-slowakischen Vorkommen). Die involvierten Kaufleute stellten aufgrund ihrer Stellung im Produktionsprozess (Betreiber/Finanziers der Saigerhütten in Thüringen) und ihrer kreditwirtschaftlichen Position (Geldgeber des Kaisers, Tirol) sicher, dass bis zu 90% des Schwazer Silbers und bis zu 100% des aus dem Mansfelder Rohkupfer gesaigerten Silbers aus den Produktionsgebieten abflossen und nicht der Geldzirkulation in diesen Gebieten zugutekamen.

(9) Bereits um 1500 waren Probleme wie Münzprägung, Edelmetallversorgung, Unruhen in der ständischen Gesellschaft etc. zumindest teilweise global determiniert. Auch der Bauernkrieg, um nur ein Beispiel zu nennen, war ein Phänomen, dessen Faktormatrix globalen Kontingenzen unterlag.

Anmerkung: Noch 1540 – also vor dem spürbaren Einströmen amerikanischen Silbers in den zentraleuropäischen Raum, welches zu einem schrittweisen Fallen des Silberpreises führte (ohne jedoch wirklich Entspannung in das deutsche Münzwesen zu bringen) – schreibt Martin Luther an seine Frau Catherina in Wittenberg: „Wir haben zu hofe nicht einen pfennig klein müntze = mugen haben so wenig als yhr zu Wittemberg habt.“ Hat also die besondere währungspolitische Problematik des Reiches um 1470–1530 Unruhen und Umbrüche – bis hin zur Reformation – mit zu verantworten?

Ergebnisse

  • Rössner, Philipp Robinson: Geld- und währungspolitische Probleme in Deutschland am Vorabend der "Preisrevolution" (1470-1540). Quellenbefund und Forschungshypothesen, in: Angelika Westermann / Stefanie von Welser (Hrsg.), Beschaffungs- und Absatzmärkte oberdeutscher Firmen im Zeitalter der Welser und Fugger, Husum 2011, S. 287-309
  • Rössner, Philipp Robinson: Bad Money, Evil Coins? Coin Debasement and Devaluation as Instruments of Monetary Policy on the Eve of the "Price Revolution", in: Philipp Robinson Rössner (Hrsg.), Cities ? Coins ? Commerce. Essays in Honour of Ian Blanchard on the Occasion of his Seventieth Birthday, Studien zur Gewerbe- und Handelsgeschichte der vorindustriellen Zeit, Bd. 31, Stuttgart 2012, S. 89-120
  • Rössner, Philipp Robinson: Armut durch Geldentwertung? Von der Deflation über die Devaluation zur Rebellion im Zeitalter der Reformation (1450-1550), Vortragsmanuskript für die Akten der Jahrestagung der Gesellschaft für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (GSWG, 2011), Hrsg. Günther Schulz, ersch. in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Beihefte (2012)
  • Rössner, Philipp Robinson: Münzpolitik im Reich im Spannungsfeld zwischen Edelmetallkrise und Preisrevolution (c.1470-1540) (Habilitationsschrift, noch nicht veröffentlicht)

letzte Änderung: 08.09.2015 

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Prof. Dr. Markus A. Denzel

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